18.08.18

Adipositas als eigenständige chronische Erkrankung


Die Adipositas wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO als eigenständige chronische Erkrankung anerkannt und ist mittlerweile in der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) als Diagnose hinterlegt.



Übergewicht und Adipositas führen je nach Schweregrad, Dauer der Erkrankung und individueller Veranlagung zu Folgekrankheiten. Neben Krebs-, Lungen- und Gelenkerkrankungen sind hier in erster Linie die ungünstige Entwicklung von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen zu nennen.

Konservative Therapien der schweren Adipositas zur Gewichtsreduktion scheitern meist, weshalb für viele Betroffene die bariatrische Chirurgie nicht selten die einzige Therapiemöglichkeit ist, die nicht nur zur nachhaltigen Gewichtsabnahme führt, sondern auch zu mehr Lebensqualität, Verbesserung der Folgekrankheiten und zu einer Verlängerung der Lebenserwartung.

In vielen Ländern gehören Adipositas- und metabolische Chirurgie aufgrund nachgewiesener Wirksamkeit daher zu den etablierten medizinischen Verfahren zur Gewichtsreduktion. Nicht jedoch in Deutschland. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Derzeit werden in Deutschland allenfalls ca. 12.000 bariatrische Operationen pro Jahr durchgeführt, obwohl rund 4 Millionen Patienten für eine bariatrische Operation in Frage kommen. Würden diese alle operiert werden, führt das zu einem ökonomischen Kollaps des Gesundheitssystems. Auf der anderen Seite sind Adipositas und deren Behandlung durch Operationen aufgrund mangelnder Kenntnis stigmatisiert - auch bei Ärzten und sonstigen Therapeuten. Die Entscheidung des Patienten, für die Kostenübernahme einer bariatrischen Operation zu kämpfen, wird häufig als eigenes Versagen, Willenlosigkeit und einer bequemen Alternative zur mühsamen, konservativen Gewichtsreduktion belächelt. 



Dass konservative Maßnahmen zur Gewichtsreduktion - Ernährungsumstellung, Bewegungs- und Verhaltenstherapie – in vielen Fällen scheitern, liegt jedoch meist nicht an willenlosen Patienten, sondern an den raffinierten Verteidigungsstrategien des menschlichen Körpers wenn es darum geht, bei negativer Energiebilanz (z. B. Diät) die vorhandenen Energiereserven zu schützen und damit eine nachhaltige Gewichtsreduktion zu verhindern. 

Bariatrische Operationen werden oft als schwere, hochrisikoreiche Eingriffe angesehen, bei denen gesunde Organe verstümmelt werden und der Patient zum „Krüppel“ gemacht wird. Bariatrische Eingriffe erfolgen hierzulande jedoch unter den Augen medizinischer Fachgesellschaften.  Nach den Qualitätsverfahren der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie sollen die Eingriffe nur an dafür zertifizierten Kliniken bzw. Zentren durchgeführt werden. Die Eingriffe erfolgen an diesen Einrichtungen standardisiert mit niedrigen Komplikationsraten in sogenannter Schlüsselloch-Technik.

Und die Wirkung bariatrischer Eingriffe ist mittlerweile sehr gut belegt, was die New York Times im Februar 2017 wie folgt kommentierte:

Die bariatrische Chirurgie ist wahrscheinlich die effektivste Intervention in der gesamten Medizin.

Für Betroffene mit schwerer Adipositas ist es somit lohnenswert, sich mit der bariatrischen  Chirurgie näher zu befassen. Auf den folgenden Seiten finden Betroffene alles Wissenswerte über die Adipositas, ihre Entstehung, konservative und insbesondere operative Behandlung.


Quellen:

Adams TD, Davidson LE, Litwin SE et al (2017) Weight and metabolic outcomes 12 years after gastric bypass. N Engl J Med 377:1143–1155

Adams TD, Davidson LE, Litwin SE et al (2012) Health benefits of gastric bypass surgery after 6 years. JAMA 308:1122–1131

Augurzky B, Wübker A et al (2016) Barmer GEK Report Krankenhaus 2016

Arnold M, Pandeya N, Byrnes G et al (2015) Global burden of cancer attributable to high body-mass index in 2012: a population-based study. Lancet Oncol 16:36–46

Arterburn DE, Olsen MK, Smith VA et al (2015) Association between bariatric surgery and long-term survival. JAMA 313:62–70


Dietrich A (2018) AWMF S3-Leitlinie Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen
Driscoll S, Gregory DM, Fardy JM et al (2016) Long-term health-related quality of life in bariatric surgery patients: a systematic review and meta-analysis. Obesity (Silver Spring) 24:60–70

Sjöström L, Peltonen M, Jacobson P et al (2012) Bariatric surgery and long-term cardiovascular events. JAMA 307:56–65

Sundstrom J, Bruze G, Ottosson J et al (2017) Weight loss and heart failure: a nationwide study of gastric bypass surgery versus intensive lifestyle treatment. Circulation 135:1577–1585

Trainer S, Benjamin T (2017) Elective surgery to save my life: rethinking the “choice” in bariatric surgery. J Adv Nurs 73:894–904

Inhaltsübersicht

Adipositas als eigenständige chronische Erkrankung

Definition und Klassifikation der Adipositas

Adipositas - eine globale Epidemie

Warum werden wir immer dicker?

Folgekrankheiten der Adipositas

Adipositas und Psyche

Essstörungen

Konservative Therapie der Adipositas

Operative Therapie der Adipositas

 Präoperative Evaluation des Patienten

Wahl des Operationsverfahrens

Wirkmechanismen bariatrischer Eingriffe

17.08.18

Definition und Klassifikation der Adipositas



Als Adipositas wird eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts definiert, die meist zu krankhaften Veränderungen führt. Für die Klassifikation wird üblicherweise der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) verwendet:



Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht man bei einem BMI von 25,0–29,9 kg/m² von Übergewicht (Präadipositas). Ab einem BMI von  ≥30 kg/m² liegt eine Adipositaserkrankung vor, die in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt wird.




Klassifikation
BMI [kg/m²]
Risiko für Folgeerkrankungen
Untergewicht
<18,5

Normalgewicht
18,5 - 24,9

Übergewicht/Präadipositas
25,0 - 29,9
leicht erhöht
Adipositas Grad I
30,0 - 34,9
erhöht
Adipositas Grad II
35,0 - 39,9
deutlich erhöht
Adipositas Grad III
≥40
stark erhöht


Der BMI ist schnell ermittelt und erlaubt somit eine rasche Einschätzung des Ernährungszustandes. Allerdings ist er für die Beurteilung, inwiefern die Adipositas zu Folgeerkrankungen führt, nicht sehr aussagekräftig.  Das Übergewicht allein ist nicht ausschlaggebend für Folgeerkrankungen, sondern auch die Lokalisation des übermäßigen Körperfetts. Unterschieden werden bei der Adipositas zwei Fettverteilungsmuster:

1. Viszerale Adipositas

Bei der viszeralen Form, auch als abdominale oder zentrale Adipositas bezeichnet, befindet sich das übermäßige Körperfett in der Bauchhöhle. Zum besseren bildlichen Verständnis wird diese Fettverteilung auch als „Apfeltyp“ bezeichnet. Die Vermehrung viszeraler Fettmassen ist ein entscheidender Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

2. Subkutane Adipositas

Bei dieser Form der Adipositas besteht eine Vermehrung der Fettmasse vorwiegend im Bereich der Hüften, Gesäß und Oberschenkel im Bereich des Unterhautfettgewebes (Subkutis), weshalb hier der Ausdruck „Birnentyp“ verwendet wird.




Das Fettverteilungsmuster bei einer Adipositas lässt sich durch Umfangsmessungen bestimmen. Ist das Verhältnis von Taille zu Hüfte bei Frauen größer als 0,85 und bei Männern größer als 0,90, liegt eine abdominale Adipositas vor; liegt der Quotient darunter, wird vom Vorliegen einer peripheren Adipositas ausgegangen.


Quellen:

Lean ME, Han TS, Morrison CE (1995) Waist circumference as a measure for indicating need for weight management. BMJ 311: 158–161

Robert Koch-Institut (2014) Übergewicht und Adipositas. Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2012“. 

Wirth A, Hauner H (2013) Adipositas Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie. Springer, Berlin Heidelberg

Ng M, Fleming T, Robinson M, et al. (2014) Global, regional, and national prevalence of overweight and obesity in children and adults during 1980 – 2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. Lancet 384: 766–781

WHO Global InfoBase team (2005) The SuRF Report 2. Surveillance of chronic disease risk factors: country-level data and comparable estimates. World Health Organization.